Geschichte der Zürcher Ziegeleien

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Der Text (Auszüge) stammt aus dem Jahr 1940. Anlass war das 75-Jahr-Jubiläum der Zürcher Ziegeleien AG

Aus grauer Vorzeit

Der Üetliberg, an dessen Nordhang sich die ausgiebigen Lehmflösse befinden, ist - geologisch gesprochen- ein verhältnismässig junger Berg. Er mag immerhin eine Million Lenze zählen, wenn man ihn sein fast ebenso langes "Vorleben" nicht anrechnen will. Als am Ende der Tertiärzeit die Alpen sich zu heben begannen, entstand ein gewaltiger See, der bis zum Schwarzwald reichte, in den sich die aus den Alpen hervorbrechenden Gebirgsströme ergossen und ihre Geschiebe warfen, das ihn im Laufe der Jahrtausende füllte. Diese verhärtete Schuttschicht, "Molasse" genannt, überlagerte unsere Gegend hunderte von Metern hoch. Während die am Alpenrand lagernde Molassedecke durch gewaltigen Druck in Wellen und Falten aufgeworfen wurde und die Nagelfluhberge Speer, Rigi, Rossberg u. a. gebar, blieb die weiter nördlich und nordwestlich liegende Schicht der gleichen Provenienz im wesentlichen unversehrt und lag als gewaltige, sich nach Nordwesten absenkende Platte ungefähr in Höhe des Üetliberges in unserer Gegend, das Grundgefüge dieses nachmalig entstehenden Berges bildend. Auf diesem Untergrund lagerten die Gletscher der ersten Eiszeit ihre Moränen aus Alpenschutt ab, die da und dort von den rückgehenden Gletschern wieder weggeschwemmt und an andern Stellen abgelegt wurden. Beim Wiedervorrücken der Gletscher legte sich über den Schotter wieder Grundmoränenmaterial. Wo keine Schotter lagen, kamen diese direkt auf die Molasse zu liegen. Bei allfälligem Rückzug des Eises legte sich über diese Grundmoräne wieder Schotter. Von dieser Schotterschicht ist am Üetliberg noch die Nagelfluhkappe erhalten geblieben. Erst die zweite Zwischeneiszeit wurde für die Entstehung des Üetliberges und die Formgestaltung des Mittellandes von entscheidender Bedeutung: Die dicke Molasseplatte wurde zerrissen, die Sihl frass sich tief in diese ein und bildete das heutige Tal des Zürichsees. Es entstand die Albiskettte als Rand der Zürichseetalausgrabung.

Während der dritten Eiszeit ragte gerade noch die Schotterdecke des Üetlibergs über den Gletscher hinaus, während die Pfannenstielkette unter ihm begraben lag. Die Frucht dieser Vergletscherung war eine grosse Seitenmoräne längs der ganzen Albiskette, zwischen sich und ihr eine flache Mulde - das nachmalige Sihltal bildend. Die vierte Eiszeit veränderte wohl das Bild des Üetlibergs nicht stark, setzte ihm aber einige Moränen vor die Füsse: Die Hügel Katz, Bürgli-Enge, Hohe Promenade und auch den Rebhügel Wiedikon. Weiter talaufwärts von Enge über Kilchberg-Hirzel-Hütten-Schindellegi blieb ebenfalls ein mächtiger Moränendamm liegen, der der Sihl ihren bisherigen direkten Weg von Schindellegi in den Zürichsee verlegte und sie zwang, sich ein neues Bett zu graben. Dies geschah zwischen der Albiskelte und dem Moränenhügel längs des Sees: Das Sihltal wurde ausgehoben. Westlich des Albiskammes suchte sich auch die Reppisch, ein Abfluss des grossen Reussgletschers, ein neues Rinnsal längs des Molassewalles und bildete das Reppischtal. Diese beiden Tälerbildungen sind also erst in den letzten 20 000 Jahren erfolgt und haben die Formung des Üetlibergs beeinflusst. Die Sihl mit ihrem verhältnismässig starken Gefälle grub sich rasch ein, schnitt die ungeschützten Uferhänge an und verursachte Nachbrüche der Böschungen. Da die Hänge am Üetliberg sehr steil sind, entstehen nach Regenperioden und im Frühjahr Rutschungen und Schlipfe. Die Gerinsel der Albiskette vermochten sich rasch tief einzugraben und bildeten die bekannten typischen Rippen, über die heute teilweise Wege zur Höhe führen (Höckler, Juchegg, Rehegg, Goldbrunnenegg). Im Grunde der Auswitterungsnischen häufte sich Lehm an, der je nach Witterung schneller oder langsamer sich zu Tal bewegte. Im Laufe der Jahrtausende haben sich an beiden Seiten des Berges sanft geneigte Lehmkegel angesetzt. Meist sind diese Stellen mit einer Humusschicht überkleidet, aber schon in geringer Tiefe, stellenweise nur 20 bis 30 cm stösst man auf die Schicht guten Lehms. Die berganführenden Strassen, besonders diejenigen mit grossem Lastwagen- und Tramverkehr leiden unter diesem unsoliden Fundament. Der Lehmkegel hat eine Ausdehnung von 1500 Meter vom Berg gegen die Sihl gemessen und eine Mächtigkeit bis zu 25 Meter. Man glaubt, dass die noch abbaufähigen Gruben den Bedarf auf ca. 100 Jahre zu decken vermögen. Der Ton ist zuunterst, d. h. talzu immer am feinsten, während er hangwärts weniger gut ist, und hier z. B. für die Herstellung gewisser Tonwaren nicht geeignet ist. Es muss angenommen werden, dass sich der Lehmstrom vom Üetliberg her seinerzeit in einen lebenden Wald ergossen hat. Beim Abbau der Lehmschicht kommen nämlich - zum Leidwesen der Lehmstecher - oft Baumstrünke mit Wurzelwerk von 2 bis 4 mm Durchmesser und 1 bis 1,2 m Höhe zum Vorschein. Im Laufe der Jahre hüllte der herabrieselnde Schlamm die untere Partie der Stämme während ihres Wachstums ein und brachte sie langsam zum Absterben. Die Krone verwelkte und vermoderte, während der im Schlamm steckende Teil konserviert blieb. Man trifft Stieleichen, Rotbuchen, Birken und eine Weidenart nebst Schilfrohr.

Die Ausbeutung der Lehmlager

Abbau in der Lehmgrube Abbau in der Lehmgrube
Der Abbau des Lehms und seine Verarbeitung zu Ziegeln, Backsteinen und anderen Tonwaren, geht schon auf Jahrhunderte zurück und ist die älteste und bedeutendste Industrie auf dem Boden Wiedikons. Sie bot Tausenden von fleissigen Händen all die Jahre her willkommene Arbeit und Verdienst. Gar vielfach war es so, dass die Leute tagsüber in den Ziegeleien arbeiteten und abends noch in ihren kleinen Bauerngewerben ringsum mithalfen. Viele dieser tätigen Leute haben es zu Wohlstand gehracht. Die Ziegelindustrie ist für Wiedikon geradezu charakteristisch geworden und aus unserm Landschafts- und Wirtschaftsbild nicht mehr wegzudenken. Auch die Verarbeitung des Lehms hat im Laufe der Zeit Wandlungen erfahren. Wir wollen dieser Entwicklung einige Worte widmen.

Die Ziegelhütten im alten Zürich

Blick in eine Trockenkammer Blick in eine Trockenkammer
Die Verwendung von Ton für die Herstellung von Backsteinen, Ziegeln, Vasen, Röhren usw. war schon den alten Völkern bekannt. So wissen wir, dass Babylonier und Ägypter für ihre Bauten Ziegelsteine verwendeten und die biblische Geschichte erzählt uns, dass die armen Israeliten zu den harten Arbeiten in den Ziegelhütten der Pharaonen herangezogen wurden, allwo es ihnen, trotz voller Fleischtöpfe, gar nicht passte. Auch bei den Römern spielt die Kunst der Tonbehandlung eine Rolle und sogar die Pfahlbauer auf unsern Schweizerseen brannten Ton zu Gefässen, wie aus den hinterlassenen Spuren zu sehen ist. Einen besonderen Aufschwung nahm die Kunst der Lehmbearbeitung im ausgehenden Mittelalter im Ziegelgewerbe. Noch bis ums Jahr 1300 waren fast alle Häuser der Stadt Zürich aus Holz gebaut, nur zweistöckig und mit Schindeln oder Stroh gedeckt. So war es auch in andern Städten der Ostschweiz. Nachdem 1280 durch den Racheakt deses Bäckermeisters Wackerbold im Niederdorf der grösste Teil der «mehreren» Stadt ein Raub der Flammen geworden war, und 1313 - wie der Chronist Stumpf berichtet - ein furchtbarer Brand den Rennweg und sämtliche Häuser bis hinab zur "Niederen Brücke" verzehrt hatte, erliess der Rat die Verordnung, dass bei neuen Häusern der unterste Stock aus Stein und die Bedachung aus Ziegeln zu erstellen seien, was natürlich dem Zieglergewerbe grosse Förderung brachte. Zürich zählte damals etwa 8000 Einwohner.

Die älteste Ziegelform die zur Anwendung kam, war der in seiner Grundform schon den Römern bekannte Hohlziegel oder Klosterziegel, auch Mönch und Nonne genannt, der sich vermöge seiner zweckmässigen und kräftigen Gestalt für das Schweizerhaus vorzüglich eignete und mit Vorliebe als Bedachung mittelalterlicher Türme und Burgen verwendet wurde. Nach und nach aber wurde der Hohlziegel durch den sogenannten "Biberschwanz" verdrängt, der in Burgund schon gegen das Ende des 11. Jahrhunderts bekannt war und in der Schweiz, vermutlich zuerst in Payerne und in St. Urban, hergestellt wurde. Wann die ersten Flachziegel auf die Dächer der Stadt Zürich und ihrer Umgebung gelangt sind, ist nicht völlig abgeklärt. Mit ziemlicher Sicherheit darf gesagt werden: Um 1500 herum, wie sich aus eingeritzten Jahreszahlen auf alten Ziegeln im Landesmuseum schliessen lässt.

Es ist nicht genau bekannt, wann in Zürich die ersten Ziegelhütten entstanden sind. Zweifellos haben vom 16. bis ins 19. Jahrhundert ihrer gegen 10 auf dem Gebiete der heutigen Stadt bestanden und zwar fast sämtliche auf der linken Seite von See und Limmat. Alle haben das Material von Wiedikon bezogen, wo man schon frühzeitig auf den hohen Wert der ausgedehnten Tonlager aufmerksam geworden war. Als älteste kann wohl die sogenannte "Herren-" oder "obrigkeitliche Hütte" angesprochen werden, die der Stadt gehörte und von ihr dem "Meister Ziegler" als Lehen vergeben wurde. Bereits im Jahre 1364 muss sie in Betrieb gewesen sein, denn ein Ratsbeschluss aus diesem Jahr setzt dem Ziegler für drei Bürger den Preis für Ziegel, Backsteine und Kalk fest. Am 1. August 1416 wird Clausen Küng, der Ziegler, ins städtische Bürgerrecht aufgenommen und mit der Ziegelhütte belehnt. Diese stand wegen dern Feuersgefahr und des vielen Platzes, den sie benötigte, ursprünglich ausser den Mauern, vor dem Rennwegtor, an der Stelle, wo später der "grüne Seidenhof" erstellt wurde und heute das Warenhaus Jelmoli steht. In jener Gegend, etwas weiter gegen die Werdmühle hinunter, muss ferner - wie aus zahlreichen Funden an Topfscherben, Kacheln usw. aus ganz früher Zeit hervorgeht - eine grosse Töpferei bestanden haben. Anscheinend sind aber die Erzeugnisse hinsichtlich Kunstwert nicht über den Rahmen des gewöhnlichen Handwerks hinausgegangen. Im Jahre 1613 wurde die Stadtziegelhütte samt Wohnhaus und Scheune auf Wunsch und Kosten des reichen Seidenherren Heinrich Werdmüller zum alten Seidenhof, dem die unschöne Hütte samt der allzeit schmutzigen Umgebung - als Nachbarschaft zu seinem schönen Privatsitz - nicht behagte, abgetragen und vor die Sihlporte, zwischen der «innern Sihl» (Sihlkanal) und äussern Sihl verlegt, aber bereits 1647 beim Bau der Schanzen abermals geschleift und im Selnau neu erstellt. Von 1775 an war sie für längere Zeit an Kaspar Bosshard auf dem Muggenbühl verpachtet. Sie musste jedoch 1860 beim Ausbau des Selnauquartiers der Anlage der Sihlamtstrasse endgültig weichen. Der unter der Aufsicht des städtischen Bauherrn stehende Ziegler erhielt von der Stadt das Holz für den Brennofen aus dem Sihlwald, anfänglich 1200 Wellen, später 40 Klafter Spelten, die ihm durch Flössen in der Sihl und im Sihlkanal zur Stelle geschafft wurden. Was er mehr brauchte, sollte er "als ander lütt" bezahlen. Als Pachtzins hatte er durchschnittlich 60 bis 120 Gulden zu entrichten. In den Ratsprotokollen wird im Laufe der Jahrhunderte wiederholt des Zieglers Erwähnung getan. Das eine Mal beklagt sich einer über die durch Gründung von neuen Ziegeleien - namentlich im nahen Wiedikon - enstandene Konkurrenz oder er wünscht statt der Holzlieferung das bare Geld. Ein andermal (1541) muss ihm der Rat bedeuten: "der ziegler soll nit mehr das best Holz ausziehen (beim Flössen) und das abschätzig den Bürgern bleiben". Da die Ziegler ihr Produkt zufolge des Verhältnisses mit der Stadt an diese zu reduzierten Preisen abgeben mussten, waren oft Misshelligkeiten an der Tagesordnung. Die festgesetzten Preise wurden nicht inne gehalten oder die Qualität der Ware liess zu wünschen übrig, sodass das Verhältnis der Ziegler zum städtischen Bauamt sehr oft ein gespanntes und unerfreuliches war und ab und zu mit Strafen eingeschritten werden musste. So erhielt 1760 Frau Bockhorn eine hohe Busse auferlegt und einige Jahre später suchte die Stadt für den besseren Betrieb ihrer Hütten geeignete Bewerber, denen ein Betriebsdarlehen von 4000 Gulden angehoten wurde, um die Steinkohlenfeuerung einzuführen. Der Silhwald hatte offenbar Schonung nötig.

Das eigentliche Ziegeleigebiet war Wiedikon mit seinen unerschöpflichen Lehmgruben. Dem 15. und 16. Jahrhundert verdanken fast alle dortigen grösseren Ziegelhütten ihre Entstehung und zwar auf Land, das von der Gemeinde als Erblehen an Bürger gegen geringen Zins abgetreten wurde. Während wir über die Stadthütten durch die Ratsprotokolle und Zinsurbare ziemlich gut unterrichtet sind, fliessen die urkundlichen Quellen. Über die Wiedikoner Hütten, weil sie Privateigentum waren, sehr spärlich. Ein wertvolles Aktenstück - der auf Pergament geschriebene Zinsrodel aus dem Jahr 1537 über "die Erbzys und bodenzys und ander Jerlich güllt einer ganzen Gemeinde von Wiedikon, wie das von allter harkommen ist" - gibt uns wenigstens über ihre Gründung sowie über einige nachträgliche Handänderungen Aufschluss. Eine solche Ziegelhütte, gegründet von Paul Trachsler 1557, zuletzt die Sallenbachsche Hütte geheissen, war bis um 1860 im Betrieb unmittelbar oberhalb der ehemaligen gedeckten Sihlbrücke, ungefähr da, wo heute der "Tages-Anzeiger" seinen Sitz hat. 1790 gehörte sie noch einem Johannes Hotz. Von da nur wenig sihlaufwärts, oherhalb des "werd" an der heutigen Schimmelstrasse, lag die 1541 von Ziegler Peter Keller erbaute Hütte. 1790 gehörte sie einem Meier und zuletzt Steiner-Höhn. 1891 wurde sie abgetragen. Unmittelbar daneben, unterhalb der Aegerten an der Sihl, stand die Bockhornhütte. Diese "so Caspar zur Linden uff der Egerten zu Wiedigkonn anno 1597 Jars gebuwen, gibt jerlich uff Sannct Martinstag einer ersamen Gmeind 3 Pf. 10 Schilling für das Erbgutt". Zur Bockhornhütte gehörte eine Lehmgrube im Albis. Zu Martini 1772 wird die Hütte verkauft von Leutnant und Geschworenen Hans Konrad Koller an Heinrich Rudolf und Hans Heinrich Bockhorn seI. des Zieglers nachgelassene Söhne, samt Zubehörde um 4000 FI. und 50 FI. Trinkgeld. Der Barbetrag wurde den Käufern vorgestreckt von dem Wohlgeachten, wohl Edlen Herren, Herren Johann Caspar Hess, gewesenen Sihlherren der LöbI. Stadt Zürich gegen Grundpfandverschreibung von Wiesen, Äckern, ZeIgen im Albis und Sihlfeld. Man sieht hieraus, dass die neuen Besitzer zu den begütertsten Bürgern der Gemeinde Wiedikon gezählt haben müssen. Unter dem gleichen Dach aber mit eigenem Brennofen und Lehmrüstplatz gegen das Werd gelegen, befand sich eine zweite Ziegelei, die Caspar Meier der Ziegler mit Martini 1774 dem Tit. Herren Haubtman Rollenbutz, Ferwer im Talacker um 800 FI. verschreibt; zuletzt von Fuhrhalter Johann Frey-Bader betrieben, der diese samt Lehmgrube 1876 an die Gebrüder Bockhorn verkaufte. Seither war die Hütte Eigentum dieser Familie und von ihr bis zum Jahre 1891 betrieben, als das Gütergeleise der Sihltalbahn das vorgelagerte Gelände durchschnitt. Die Liegenschaften gingen Ende 1923 an die Stadt Zürich über. Die durch den Umbau der linksufrigen Seebahn und der Sihltalbahn verursachte erhebliche Umgestaltung der dortigen Gegend machte die Beseitigung verschiedener Gebäulichkeiten zur Notwendigkeit. Dazu gehörte auch die bekannte alte Ziegelhütte, die schon seit Jahren ein beliebtes Objekt für Photographen, Zeichner, Maler und Altertumsfreunde war. Die Liegenschaft, die schon früher durch die Sihltalbahn und die Schimmelstrasse durchschnitten worden war, mass damals noch 6'930 m2 und wurde zum Preise von Fr. 270'000 an die Stadt abgetreten. Damit war das letzte Wahrzeichen einer einstmals bedeutenden Industrie reichlich bezahlt.

Wohl die allerälteste der Ziegeleien auf dem Boden von Wiedikon war "die gross Ziegelhütte in der ow", erbaut, «als man zält dusend vierhundert vierzig und ein Jar, erstlich verlichen und geben Simon Ziegler, burger zürich und sinen erben nach üblichen sitt und gwohnheit und um ein zins von 3 Pfund und 10 Schilling". Sie wurde jedoch schon 1572 durch die Gemeinde zurückgekauft und geschleift, da bereits 1516 von Jakob Keller, dem Ziegler nebenan, am Fuss des sogenannten Reb- oder Fastnachthügels "auf einem bletz ob der allmeind als erbgutt" eine neue, offenbar zweckmässiger eingerichtete Hütte erstellt worden war. Gegen 200 Jahre gehörte diese der Familie Keller und musste 1860 der Gründung der Fuhrhalterei Dübendorfer - jetzt Stiefel - weichen. Eine weitere Ziegelhütte am alten Üetlibergweg war die im Jahr 1543 erstellte Bär'sche Hütte in der äussern Au". Die letzte der Hütten bergwärts, der Albishof, stammt aus dem 19. Jahrhundert und hat sich schon frühzeitig dem modernen Betrieb angepasst. Die Tonwarenfabrik der Gebrüder Bodmer im Albisgrund, gegründet 1871 und vorzugsweise auf Spezialitäten (Keramik) eingestellt, ist ebenfalls neuzeitlich eingerichtet und arbeitet heute noch mit Erfolg. Der Vollständigkeit halber seien noch zwei Unternehmen erwähnt, die ausserhalb des Gemeindebanns Wiedikon standen, aus dessen Gruben aber den Lehm bezogen: Die Ziegelei Wirz im Seefeld und die Staub'sche Hütte in Wollishofen.

Von grösster Wichtigkeit war die Lehmausbeute im Albis. Die sämtlichen damaligen Gruben befanden sich in dem links und rechts an die heutige Üetliberg- und Bachtobelstrasse stossenden Gelände, wie noch aus alten Plänen ersichtlich ist, auf denen schon früh eine "kleine" und eine "grosse", eine "alte" und eine "neue Leimgrube" - nebst die der Stadt Zürich gehörende "obrigkeitliche" Grube eingezeichnet sind. Lehmgruben im Albis werden schon 1502 erwähnt. Da man in der Mischung des Materials noch nicht so bewandert war wie heute, benützte man meistens nur die oberste Schicht bis zu einer Tiefe von 3 bis 4 Metern. Dieses Material hielt man für besonders geeignet für die Herstellung von Dachziegeln. Die nur unvollständig ausgenützten Gruben wurden dann gewöhnlich mit den neuen "Abdecketen" ganz oder teilweise verschüttet und der Landwirtschaft zurückgegeben. Die Wohnkolonie "Im Laubegg", links von der Üetlibergstrasse, steht in einer dieser alten Lehmgruben. Die ehemaligen Ziegelhütten von Zürich lagen also - im Gegensatz zu den heutigen Betrieben - grösstenteils nicht in unmittelbarer Nähe der Gruben. Der Transport des Rohmaterials verteuerte das Produkt.

Im Winter ruhte das eigentliche Gewerbe oder es beschränkte sich auf das Brennen des Kalkes und der während der wärmeren Jahreszeit an der Luft getrockneten Ware sowie auf die Ausbeutung und Herbeischaffung des Materials, das in nächster Nähe der Hütte zum Ausfrieren aufgeschichtet oder im Wasserbad zur Entfernung unreiner Beigaben geschlämmt wurde. Es waren sogenannte Handziegeleien, wie sie nun verschwunden sind. Jeder einzelne Backstein, jeder Ziegel wurde von Hand gemacht, indem der Ziegler den zubereiteten Lehm in eine hölzerne oder eiserne Form presste und das darüher hinausquollende Material mit der buchenen Streichliste abstrich. Daher die Bezeichnung "Ziegelstreichen" und "Ziegelstreicher". Es bedurfte einer gewissen Fertigkeit des Meisters, besonders um bei den noch weichen Biberschwänzen die "Nase" aufzusetzen und mit den zusammengefügten Fingerspitzen der beiden Hände auf der oberen Seite die Abflussrillen anzubringen. Dadurch kam eine gewisse Mannigfaltigkeit im Detail der Form zustande, die dem Maschinenziegel abgeht. Hurtige "Abtragbuben" verbrachten die auf Brettchen gelegten Ziegel - einen auf dem Kopf, zwei weitere auf den bis zur Schulterhöhe emporgehobenen Händen tragend - ins Trockengestell. Ein gewandter Ziegler erreichte so bei 13- bis 14-stündiger Arheitszeit im Sommer eine Tagesleistung von 1000 Stück und darüber an Dachziegeln und von 1200 bis 1500 an Backsteinen.

Bedeutende technische Neuerungen und Rationalsierungen im Laufe des 19. Jahrhunderts führten indessen den Niedergang, ja den völligen Untergang des Handzieglergewerbes herbei. Die sogenannte Strangpresse in Verbindung mit dem das Rohmaterial knetenden Kollergang und dem automatischen Tonabschneider steigerte das Produktionstempo und die Produktionsmöglichkeit derart, dass Handarbeit nicht mehr aufzukommen vermochte, obwohl namentlich in den Anfangsstadien den mit der Maschine hergestellten Erzeugnissen in weiten Kreisen des Baugewerbes starkes Misstrauen hinsichtlich ihrer Güte und Dauerhaftigkeit entgegengebracht wurde und dieses Misstrauen noch lange bestand. Da für gewisse Zwecke der "Handware" immer noch der Vorzug gegehen wurde, vermochte sich der Handbetrieb da und dort bis auf die heutige Zeit zu halten. Die Erfindung des Ringofens durch Friedrich Hofmann im Jahre 1858 mit seinem Zellen- und Kammersystem ermöglichte eine viel rationellere Ausnüzung der erzeugten Hitze und bedeutete einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Verbilligung und Steigerung der Produktionskapazität. So hat hat ein Jahrhunderte altes Gewerbe, das für Zürich von grosser volkswirtschaftlicher Bedeutung war, das Feld räumen müssen.

Die neuen mechanischen Ziegelfabriken

Blick in das Sumpfhaus Blick in das Sumpfhaus
Der Bodenschatz aber, dem das nunmehr entschwundene Handwerk seine Existenz verdankt hatte, liegt nicht brach. Er ist vielmehr die Quelle zu neuer industrieller Entfaltung mit intensiveren Betriebsmethoden und erhöhten Leistungen geworden. An die Stelle der alten Ziegelhütten traten schon in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts grosse sogenannte mechanische Backsteinfabriken. Oie erste dieser Art entstand im Jahre 1850 im Alhishof an der Uetlihergstrafk. Vermutlich lag sie anfänglich in privaten Händen, 1866 überahm die "Ziegelei Albishof A.-G" dieses Werk, das zu jener Zeit Ziegelei F. Diener-Bachmann hiess. Das Haupt der neuen Gesellschaft war Herr Oberst Fritz Locher, der ihr volle 38 Jahre, von 1867 bis 1905 ununterbrochen vorstand. Die Anlage war nach damaligen Begriffen schon ziemlich modern eingerichtet. Immerhin erhielt sie erst 1886 einen Ringofen. Im Jahre 1893 nannte sich die Firma "Mechanische Ziegelfabrik Albishof" und umfasste nun auch das 1892 neu angelegte Werk im Giesshübel, das die Grube im Giesshübel in Angriff nahm und heute noch benützt. In den zwanziger Jahren wurde ihm das sogenannte Kaminwerk angegliedert. 1906 erfolgte die Fusion der "Mechanische Ziegelfabrik Albishof" mit der "Dampfziegelei Heurieth", deren Fabrikationsgebäulichkeiten und Grube südlich des Höfliweges liegen, zur neuen Gesellsehaft "Ziegeleien Albishof-Heurieth" unter der Präsidentschaft von Dr. Locher-Freuder. Die Dampfziegelei Heurieth stammt aus dem Jahr 1876. An deren Spitze stand während der Gründung und in den folgenden 13 Jahren Mateo Cosulich. Im Zeitpunkt der Vereinigung der beiden Gesellschaften präsidierte Herr Nationalrat Ernst Schmidheiny aus Heerbrugg die Dampfziegelei Heurieth. Zu diesem Zeitpunkt taucht also in der Zürcher Ziegelindustrie der Name des Mannes auf, der später in der Ziegel- und Zementbranche der Schweiz führend wurde und dessen kühner Unternehmungsgeist auch im Orient grosse Unternehmungen schuf. Auf einer Geschäftsreise fiel er vor einigen Jahren in Syrien einem Flugunglück zum Opfer. Zu Anfang der Sechziger Jahre entstand in der Binz die "Mechanische Backsteinfahrik in Zürich", die als Vorläuferin der heutigen Jubilarin, der "Zürcher Ziegeleien A .G.", anzusprechen ist. Als offizielles Geburtsdatum der Firma wird der 1. Juni 1865 angegeben. Diesem Unternehmen stand während der ersten 11 Jahre Herr Schoch-Hahn vor. Ihm folgten 1877 Herr R. Kuschel, 1882 Herr D. EImer-Wild, 1889 Herr F. Hardmeier-Bleuler und 1909 bis zum grossen Zusammenschluss aller Werke Herr Prof. Rud. Escher. Die grosse Lehmgrube in der Binz wurde in den ersten Jahrzehnten intensiv beansprucht. Die Ausmasse der Abschürfung sind noch heute deutlich erkennbar. Vor der Jahrhundertwende erstellte die Gesellschaft im "Tiergarten" ein leistungsfähiges zweites Werk, das sein Rohmaterial aus der ausgiebigen dortigen Grube bezog. 1909 wurde ein weiterer Bau erstellt. Dann wurde der Betrieb in der Binz aufgegeben. Die Stillegung desselben fällt mit dem Ausbruch des Weltkrieges zusammen. In der Folge wurden Fabriktrakt und Lagerschuppen ahgetragen. Auf dem nun dadurch freigewordenen grossen Fahrik- und Grubenareal stehen heute die Lagerhäuser der Brann A.G., W. Hofmann, Werkstätten der Genossenschaft Hammer und der Baufirma Ing. Stäubli u. a. mehr. Die neue Grubenstrasse, die in die Üetlibergstrasse einmündet, erschliesst noch weiteres freies Bauland, auf dem zur Zeit Schrebergärten stehen. Das Gelände ist für Industriebauten vorzüglich prädestiniert: geschützte Arbeitslage, Geleiseanschluss an die Üetlibergbahn, gute Kommunikation und Stadtnähe. Am östlichen Rande des riesigen Trichters, längs der Bachtobelstrasse erhebt sich eine stattliche Siedlung. Im westlichen Teil ist die Grube noch nicht erschöpft und wurde vor einigen Jahren wieder angestochen. Das Material wandert mit einer Feldbahn unter Borrweg-Margretenweg, Üetlilbergbahn durch zum Tiergarten, der im Jahre 1939 durch einen stattlichen Neubau erweitert worden und heute das Hauptwerk und zugleich die modernste Fahrikationsanlage der Schweiz ist.

Das Jahr 1912 ist das wichtigste in der aufsteigenden Entwicklungsgeschichte der Zürcher Ziegeleien A.G. Es brachte den grossen Zusammenschluss aller Unternehmungen auf dem Platze Zürich. Mit Ausnahme der Ziegelei Bodmer & Co., die bis heute ein privates Unternehmen geblieben ist. Man geht wohl in der Annahme nicht fehl, dass der grosse Organisator Schmidheiny die treibende Kraft und der spiritus rector der Vereinigung der beiden grossen Gesellschaften "Albishof-Heurieth" mit den Werken Giesshübel, Albishof und Heurieth und der "Mechanischen Backsteinfabrik in Zürich" mit dem Spitzenwerk Tiergarten zur Firma "Zürcher Ziegeleien A.G." gewesen ist, Als erster Präsident des Verwaltungsrates der neuen Grossfirma amtete 1912 bis 1921 Herr Prof. Rudolf Escher, der im Zeitpunkt der Fusion an der Spitze der "Mechanischen Backsteinfabrik Zürich" gestanden hatte. Durch Fusion mit der "Mechanischen Ziegelfabrik Wettswil" und durch Kauf der «Ziegelei in Rafz" im Jahre 1913 wurde der Wirkungskreis des Unternehmens auch über die Grenzen des bisherigen Interessengebietes ausgedehnt. Im September 1939 wurde der Fabrikationshetrieb im Werk Heurieth aufgegeben. Das Grubenareal war schon Jahre vorher in den Besitz der Stadt übergegangen und das Ausbeutungsrecht am 1. Oktober 1940 erloschen. Zunächst dienen die Gehäulichkeiten noch Lagerzwecken. Gelegentlich werden sie, da der modernisierte Betrieb im Hauptwerk Tiergarten allen Anforderungen zu genügen vermag, niedergelegt. Da das umliegende Terrain bereits mit Wohnbauten bedeckt ist, wird auch das freiwerdende Areal der nur 64 Jahre alt gewordenen Ziegelei Heuriet voraussichtlich gleichen Zwecken dienstbar gemacht. Das Gebiet südlich des Höfliweges ist für die Siedelungsanlagen infolge seiner Lage sehr günstig und dürfte bei Rückkehr normaler Zustände rasch belegt sein. Mit der weiteren Überbauung dieses Quartiers wird allerdings auch die Fortführung, bzw. die Durchführung der Talwiesenstrasse bis zur Binz akut werden.

So bedauerlich einerseits - namentlich im Hinblick auf den endgültigen Wegfall einer willkommenen Arbeitsgelegenheit im Quartier - die Eliminierung der Ziegelfabrik ist, so versöhnt doch andrerseits die Aussicht, dass auch hier wieder neues Leben auf den Ruinen des Niedergerissenen blühen wird. Der Vollständigkeit halber seien noch die veränderten Verhältnisse hinsichtlich der Ausbeutungskonditionen der verschiedenen Gruben gestreift. Wie aus den Ausführungen über die alten Gruben ersichtlich ist, waren diese grösstenteils Lehengut, das oft als Erblehen an mehrere Generationen überging. Die Erstellung grosser mechanischer Fabriken mit ganz erheblich höheren Baukosten und der Investierung grösserer Kapitalien verlangte zur Sicherung des Betriebes und für die unbehinderte Fabrikation eine andere Rohmaterial-Basis. So sicherte sich jede Fabrik das entsprechende Terrain durch vorsorgliehe Käufe. Eventuell wieder freiwerdender Werkgrund oder abgebautes Grubenterrain konnte dann wieder - wenn nicht mehr für den Betrieb notwendig - abgestossen werden, wie dies beispielsweise in der ausgeschalteten Anlage in der Binz der Fall war. Mit dem Verschwinden der handwerklichen Hütten teilweise auch schon früher - nahmen also die alten bürgerlichen Lehensrechte an die Gruben ihr Ende. In die neuen Nutzungsverhältnisse spielen noch gewisse Wegrechte und Servituten - die sich nicht beseitigen liessen - eine störende Rolle. So setzen z, B. heute Üetlibergbahn, Margarethenweg, Borrweg und Schweighofstrasse einer ungeschmälerten Auswertung des vorhandenen Besitzes gewisse Schranken, weshalb man jetzt schon - wenigstens annähernd - den Termin zu errechnen vermag, an welchem die Grabgabel für immer beiseite gelegt werden muss. Vorerst ist allerdings noch keine Rede davon.
Im Brennofen
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Firmenfusionen und Namen
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